malimania

Life does not consist mainly, or even largely, of facts and happenings. It consists mainly of the storm of thought that is forever flowing through one’s head. November 4, 2008

Den Haag, 04.11.2008, 7.50h:
Seltsam, im Nebel zu wandern…
Zum Abschluss meiner kleinen Reihe* verwandelt sich die Stadt in eine Märchenlandschaft. Direkt vor unserer Haustür treffe ich einen orangen Mann, der mir Sand aus einem Loch vor die Füße gräbt. Die Löcher haben etwas mit den neuen, absichtlich altmodisch wirkenden Straßenlampen zu tun, die ohne Pfahl aus den Häuserwänden zu wachsen scheinen. Mehr Licht wäre für die Fahrsicherheit praktisch, doch so ist es romantisch. Die Farben verschwinden, nur die allerstärksten lassen einen fahlen Abglanz ihrer selbst erkennen. Scheinwerfer bahnen sich ihren Weg durch die nebelweiße Welt, und an den Ampeln stehen die anderen Radfahrer, in dieser Nähe nun gut erkennbar, heroisch hervorgehoben wie auf einem alten Gemälde. Der verwaschene Hintergrund dient nur dazu, die Person stärker leuchten zu lassen. In der Piet-Hein-Straat glaube ich kurz zu sehen, dass ein Mann versucht, ein Haus zu angeln. Mit einer riesigen Stange streift er fast an der Dachrinne hin und her. Als ich näher komme, stelle ich zu meiner Enttäuschung fest, dass es nur ein Fensterputzer ist. Aber immerhin vielleicht von der bekannten Den Haager glazenwasser-maffia (Fensterputzermafia). Der Brunnen am Prins-Hendrik-Plein sprüht flüssigen Nebel, eine Frau mit Kopftuch füttert Vögel. Im Teich gegenüber meiner Arbeit meine ich eine neue Vogelart zu entdecken: klein, dick und längs gefiedert. Auch hier spielt mir die Phantasie durch den Nebel einen Streich: Es sind Enten, die tauchen und ihre Bürzel über der Oberfläche schaukeln. Dann schließt sich das Gitter meiner Arbeit hinter mir.

* „Mit dem fiets zur Arbeit“ gibt es wieder 10 Tage im Winter (wenn es bitterkalt ist), 10 im Frühling (wenn die Vögel zurückkehren) und 10 im Sommer (wenn die Kleider der Frauen auf Rädern im Fahrtwind flattern). So hoffe ich, einen kleinen jahreszeitlichen Bilderbogen meiner neuen Stadt zu entwerfen…

 

mellow haze November 3, 2008

yellow day in Berlin, originally uploaded by malidinapoli.

Den Haag, 03.11.2008, 7.55h:
Ein weicher Regenschleier weht durch unsere Straße, in der die seit vorgestern angebrachte und noch nicht angeschlossene Weihnachtsbeleuchtung von Vorfreude in der dunklen Jahreszeit kündet. Wieder gibt es orange Männer, die diesmal auf der anderen Straßenseite ein Loch graben. Der Geruch an den Königlichen Ställen schmeckt nach Waldboden. Die Spitze des Friedenspalastes liegt im Nebel, und plötzlich sind sie da, die Orientierungspunkte meiner alten Städte. Der Fernsehturm am Alex in Berlin, der Justizpalast in Brüssel und der Hamburger Fernsehturm. Schön, so blass gezeichnet durch Nebel und Erinnerung. Eine Möwe krächzt mich zurück in die Wirklichkeit, und ich biege ab in die Piet-Hein-Straat. Lächelnd, denn hier bin ich gestern mit J. entlang spaziert. Hier kauften wir Futter für ein verloren gegangenes, zitterndes Hündchen, sahen wir ein tanzendes Schattenpärchen auf einem Plakat, und etwas weiter dort tranken wir einen Kaffee und teilten uns ein Stück Schokoladenkuchen mit Himbeeren. Schon wieder verschwinde ich aus dem aktuellen Geschehen und tauche ein in die Heimat meiner Gedanken.. Vielleicht ist das einfach so an einem feuchten Morgen im November.
Dann schließt sich das Gitter meiner Arbeit hinter mir.

 

missing Oktober 30, 2008

autumn (Hamburg), originally uploaded by malidinapoli.

Den Haag, 30.10.2008, 7.45h:

Es gibt einiges, was heute gefehlt hat:

- eine Mütze auf meinem Kopf
- die Parkwächter; schon seit einigen Tagen sind sie verschwunden
- die Möwe auf der vierten Straßenlaterne an der Kreuzung; drei kommunizieren, auf den anderen drei Laternen     sitzend, krächzend miteinander
- der männliche Josephine-Baker-Verschnitt mit Bananenröckchen, der bis gestern groß im Schaufenster eines Friseurs  in der Piet-Hein-Straat prangte. Er ist durch grauenhafte lilarosa Feenpuppen ersetzt worden.
- alte Menschen auf der Straße
- das Bistro-Baguette auf der Werbefläche der Tramhaltestelle. Stattdessen kniet eine überschminkte Blondine im goldenen Kleid vor einem Mann im Maßanzug, umflattert von Geldscheinen. Ein sexistischer Kommentar zur Kreditkrise?
- Halloweendekoration bei „Balkan delicatesse“. Dafür überreichlich zu finden drei Häuser weiter bei „Kelly´s expat  shopping“
- der Schwan, der Reiher, die Enten im Teich, der immer stärker von grünen Wasserlinsen übernommen wird
- die andere Hälfte des fietsstelletje (Fahrradpärchen)
- die 48 Stunden bis zum Wochenende

Dann schließt sich das Gitter meiner Arbeit hinter mir.

 

cry me a river Oktober 30, 2008

cry me a river (Brüssel), originally uploaded by malidinapoli.

Den Haag, 29.10.2008, 7.50h:
Dies ist eine Erinnerung an gestern früh, denn es fand sich keine Zeit, sie frisch zu notieren.
Der Friedenspalast wird von unwirklichen Wolkengebilden umrahmt, die Sonne färbt die Häuserdächer orange. Die Autos atmen kompakt und weiß, ihre Scheiben sind beschlagen. Im Obstgeschäft in der Piet-Hein-Straat ist nur der kleine weiße Teddybär mit den rosa Ohren zu sehen, der an der Kasse gelehnt sitzt. Der Teich und der Kanal bei den Wiesen sind umflort von Morgendunst. Seine Bewohner enziehen sich meinem Blick. Dann schließt sich das Gitter meiner Arbeit hinter mir.

 

under construction Oktober 28, 2008

under construction (Hamburg), originally uploaded by malidinapoli.

Den Haag, 28.10.2008, 7.45h:
Unterwegs gefundene Geräusche:

- das Knurren des roten Baggers, der auf der anderen Seite des Kanals einen Container mit Bauschutt hebt
- das Gluckern des Wassers in den Eingeweiden der Stadt, hörbar an manchen Gullis
- das Platschen der Pfützen, wenn Autos hindurch fahren
- das Tropfen des Regens auf meine Kapuze
- Vogelzwitschern, vereinzelt
- fietsbellen (Fahradklingeln)
- das Brummen von Motoren – vor allem des Busses, der mich beim Abbiegen fast überfahren hätte, weil er nicht gebremst hat
- die Stimme eines Jungen im Stimmbruch, der gelangweilt zu seiner Mutter spricht, während sie ihr Rad aufschließt
- das sonore Brummen eines Handymannes
- das fröhliche Bellen – nur in Gedanken – des Cockerspaniels, der mit einem Ball im Maul über die Wiese gleich gegenüber dem Ziel meines Wegs läuft.
Dann schließt sich das Gitter meiner Arbeit hinter mir (mit einem „KLONK“).

 

missing something Oktober 23, 2008

missing something (Brüssel), originally uploaded by malidinapoli.

Die Helligkeit der schmalen Mondsichel erstaunt mich, als ich mich auf mein Rad schwinge. Die Palastparkwächter treten unruhig von einem Fuß auf den anderen, wohl um die Kälte zu vertreiben. Beschlagene Autoscheiben und mein sichtbarer Atem sind Zeugen der fortschreitenden Jahreszeit. Ein Lieferwagen stellt sich zum Wenden quer auf die Strasse und versperrt mir kurzfristig den Weg. Auf seiner Ladefläche ist eine weiße Maschine mit dem Namen „Putzmeister“ gebettet. Die könnte sich vielleicht einmal um das arme Waisensofa kümmern, das vor zwei Tagen vor einem Antikmöbelgschäft ausgesetzt wurde und seitdem auf dem Bürgersteig bei Wind und Wetter sein Dasein fristen muss . Beim Vorbeifahren denke ich an all die Märchen, in denen Spielzeugfiguren mit Verstand und Gefühl um die Weihnachtszeit herum in Regalen verstauben und schließlich in letzter Sekunde doch noch ein neues Zuhause finden. Ob das dem Sofa gelingen wird, ist leider zweifelhaft. Gesellschaft hingegen hat wenigstens der Graureiher, der still im flachen Wasser des Teiches steht und von schlafenden Enten umringt wird. Ich grüße ihn lautlos. Dann schließt sich das Gitter meiner Arbeit hinter mir.

 

sun sale Oktober 21, 2008

sun sale (Den Haag), originally uploaded by malidinapoli.

Den Haag, 21.10.2008, 7.50h:
Nieselregen und das gelbe Licht der Laternen lassen den Boden der sich lichtende Allee des Prinsessewal schimmern. Kapuzenmenschen fahren vorbei. Die Lichtmaschine meines Rads sirrt gleichmäßig, während ich versuche, wacher zu werden. Das geschieht spätestens, als ich von einer rotgelben Tram gejagt werde. Seltsamerweise akzeptieren die Fahrer es nicht, wenn man ihnen den Weg frei macht, sondern wollen die Radfahrer vor sich herfahren lassen. Zum Glück ist die nächste Haltestelle mit hell erleuchtetem Niveamädchen nicht weit. Auf der Baustelle, die ich immer passiere, rufen sich zwei orange Männer etwas zu. Sie frieren nicht, es ist feucht, aber mild. Dann schließt sich das Gitter meiner Arbeit hinter mir.