malimania

Kleingeld September 21, 2009

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liquid, originally uploaded by malidinapoli.

Vor mir an der Kasse bei Albert Heijn steht ein junger Linker mit blonden Rastazöpfen und bunter indischer Umhängetasche. 12,64 € zeigt die Kasse an für seinen biologischen Merlot, die Eier aus Freilandhaltung und den Rest seines Einkaufs. Die gestandene Kassiererin Latifa, wohl surinamesisch-hindustanischer Herkunft, fragt ihn, ob er 5 Cent habe. Er zückt sein gewebtes Portemonnaie: „4 Cent? Nee, hab’ ich leider nicht.“, sagt er auf Deutsch. Latifa schaut auf seine ausgestreckte Hand mit den Münzen und wiederholt: „5 Cent?“ Ratlosigkeit. Ich fühle mich sehr integriert, da ich weiß, dass in den Niederlanden bei Centbeträgen immer auf- oder abgerundet wird, weil so gut wie keine 1- oder 2-Cent-Münzen im Umlauf sind. Meinen leicht besserwisserischen Einwurf „Sie fragt nach 5 Cent“ hört er nicht. Die Kassiererin gibt noch nicht auf. Ob er dann vielleicht 15 Cent habe, „vijftien“? „Fifteen?“, murmelt der Rastamann. „Yes, fifteen!“, erwidert sie. Er zählt die Münzen ab und und überreicht sie ihr lächelnd. „Have a nice day“, ruft sie und lächelt zurück. Es ist das erste Mal, dass ich sie englisch reden höre, und es bereitet ihr sichtlich Spaß. „You also!“ antwortet er fröhlich und geht. Mein Integrationstriumph ist zwar etwas gedämpft, weil Freundlichkeit die Unkenntnis der ländlichen Sitten locker geschlagen hat. Trotzdem macht mir dieser kleine internationale Zwischenfall sehr gute Laune.

 

Woepies Januar 19, 2009

bed & breakfast, originally uploaded by malidinapoli.

Es gibt Dinge, bei denen man erst versteht, dass man sie vermisst hat, wenn sie einem plötzlich wieder begegnen. So ging es mir dem Zimtwuppi. Habe ich mich in Hamburg noch immer ein bisschen geschämt, in der Bäckerei Kamps den Namen dieses süßen Zimtbrötchens mit vollem Ernst auszusprechen, so rief ich neulich an einem Marktstand in einer mittelgroßen holländischen Stadt erfreut aus: „Das sind ja Zimtwuppis!“ Sie wurden verkauft als „woepies met kaneel“ („Wuppis mit Zimt“) und taten so, als seien sie eine exklusive Erfindung der „Bakkerij ‘t Stoepje“ aus Spakenburg. Beim ersten Bissen bestätigte sich die Vermutung – die „woepies“ waren zumindest sehr nah verwandt mit ihrem deutschen Pendant. „Geschäftstüchtig, die Spakenburger“, dachte ich.

Das ist auch eine der Zuschreibungen, mit denen die Leute aus diesem Ort oft bedacht werden. Interessanterweise steht dieses Händchen für das Geschäftliche scheinbar nicht in Widerspruch mit der starken Religiosität der in Spakenburg ansässigen reformierten Christen. Es wird oft untereinander geheiratet, man bleibt eine große Familie. Die Erbkrankheit „benigne rekurrierende intrahepatische Cholestase“ (BRIC) heißt auch „Spakenburger Krankheit“. Sonntag ist Ruhetag, Homosexualität noch ein Tabu und Zusammenleben ohne verheiratet zu sein ebenso. Bekannt ist Spakenburg zudem für einige seiner (meist älteren) Frauen, die noch jeden Tag Tracht tragen.

Ich sah mir die Mädchen am Marktstand genau an. Sie wirkten gar nicht streng religiös. Eine umarmte sogar ihren Freund, der mit ihr arbeitete. Und die Marktstände gibt es überall, auch in sozial schwachen Vierteln mit aufreizend angezogenen Frauen und aggressiven Jungs. Fürchteten sich die Spakenburger denn nicht vor einer weltlichen Ansteckungsgefahr, wenn sie ihre Kinder überall hinschicken, um Brötchen zu verkaufen?

Auf der Homepage der Bakkerij ‘t Stoepje fand ich die Antwort: Die Bäckerei hat 100 Franchise-Unternehmen auf ca. 900 Marktständen im Land, die von vier Zentren versorgt werden. Gebacken wird im sicheren Spakenburg, der Rest scheint von Leuten „von außen“ übernommen zu werden. Glück gehabt, Spakenburger Mädchen!

Das Geheimnis der Zimtbrötchenverwandtschaft konnte ich schließlich ebenfalls lüften. Leider hielt meine heimliche Theorie der gewieften Spakenburger, die in Deutschland Bäckereien ausspionieren, der Wirklichkeit des Marktstandkapitalismus nicht stand: Seit 2000 gehört die Bakkerij ‘t Stoepje zu „Market Food Group B.V“, dem niederländischen Zweig der deutschen Bäckereikette „Kamps AG.“
Wenigstens entdeckte ich noch, dass letztes Jahr offensichtlich ein „Brotkrieg“ („broodoorlog“) zwischen der Spakenburger Bäckerei und dem inzwischen auch von der Market Food Group B.V geschluckten – Konkurrenten „Brotpirat“ („Broodpiraat“) stattgefunden hatte.

Was auch immer hinter den Kulissen noch alles geschehen möge: Bitte lasst mir meinen Zimtwuppi!

 

Willkommen in Den Haag! Oktober 22, 2008

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Neulich flatterte ein Brief von Den Haags Bürgermeister ins Haus. Er begrüßte mich als Neubürgerin dieser Stadt und forderte mich freundlich dazu auf, mein Willkommenspaket abzuholen. Also begab ich mich ins „Contact Centrum“ des hochmodernen Rathauses, und eine routinierte Dame übergab mir mit einem fast unsichtbaren Lächeln eine schwere Papiertüte.

Zuhause packte ich sie neugierig aus, und natürlich griff ich zuerst nach den einzigen Dingen, die nicht nach Flyern aussahen. Ich staunte: „Den Haag schoon!“ stand auf den beiden kleinen weißen Gegenständen, „Den Haag sauber!“. Eine Art portabler Aschenbecher und ein Etui für Kippen bzw. ausgekaute Kaugummis mit kleinen abgezählten Silberpapierrechtecken und genauer Gebrauchsanweisung. „Kaugummiproppen eerst in papiertje wikkelen“, las ich.

Zu gerne würde ich das Gesicht einer Frau Benzema aus Algerien oder eines Herrn Zorrelli aus Italien sehen, wenn sie ihr Willkommenspäckchen in den Händen halten.

In der Wundertüte war neben einem Bonheftchen mit allerlei Ermäßigungen und kulturellen Flyern auch ein Hochglanzmagazin zu finden, welches die „Stad van vrede, recht en veiligheid“ (Stadt des Friedens, des Rechts und der Sicherheit) mit schönen Bildern und wenig Text anpries.
Außerdem gab es einen Parkplan, der unter anderem den Zuiderpark vorstellte – „zo´n beetje het Central Park van Den Haag“ -, ein Steuerverzeichnis für 2008 und einen Zettel zum Thema Hausmüll. Schließlich entdeckte ich noch einen Spendenaufruf vom Roten Kreuz sowie Broschüren mit dicken Ausrufezeichen, die mir entgegenriefen, doch beim „Haags Referendum“ mitzumachen oder eine Bürgerinitiative zu gründen. „Het initiatief is aan u!“ – „Sie haben die Initiative!“ Natürlich alles auf holländisch.

Zwar hätte ich auch gern grundlegende Informationen zum Labyrinth der niederländischen Krankenversicherungen bekommen, Erhellendes über die Bedeutung der mysteriösen Sofinummer gelesen (die es unter diesem Namen nicht mehr gibt, aber überall herumgeistert und lebenswichtig zu sein scheint) oder handfeste Tipps zum Thema Immigratie- en Naturalisatiedienst. Doch wenigstens bin ich eine gern in Parks herumliegende Kaugummikauerin, und deshalb sage ich: Danke Den Haag!