malimania

Kleine Brüder November 4, 2009

Gespeichert unter: den haag — malimania @ 6:30
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Kleine Brüder

Junge vor einem Busfenster in Berlin Kreuzberg

 

Nicht nur in der Tram, auch im Bus kann man Zeuge von kuriosen Gesprächen werden. Die Protagonisten diesmal: Drei kleine Jungs in dunkler Kleidung auf dem Weg zur Schule, die wie 10 aussehen, sich wie 16 benehmen und wahrscheinlich 12 sind. Sie schleudern sich in die letzte Sitzreihe, genau hinter J. und mich. Wir wiederum waren gerade nach hinten geflohen, weil wir keine Lust hatten, dem endlosen Telefonat einer Asiatin folgen zu müssen, die keinen Blick für ihre noch müde Umwelt hatte. Nun also die Jungs – wir ergeben uns in unser Schicksal und hören zu. Bei ihrer Gesprächslautstärke geht es auch nicht anders. Wie neulich in der Tram kann ich nicht alles verstehen, bemerke aber die abgehackte und verdrehte Grammatik, sehr oft garniert mit den Kraftausdrücken “kanker” oder “kankerhoer” (“Krebs” bzw. “Krebshure”).

“Bist Du eigentlich Araber oder Berber?” fragen sie einander. Einer der drei ist Berber. “Kanker!” Und, unvermittelt: “Atatürk mag mijn pik likken!” (Atatürk kann meinen Schwanz lecken). J. und ich verkneifen uns das Lachen und sind gleichzeitig sehr froh, dass wir keine Lehrer sind. Immerhin ist die Schule auch kurz Gesprächsthema: “Ich weiß, was “suburbs” sind. Ist doch ganz einfach. Erdkunde sowieso ist leicht!” ruft einer triumphierend. Schnell wechseln sie zu Fußball: “Der FC Twente hat’s voll drauf, das sind die allerbesten! Die stehen auf Platz eins und da bleiben sie auch.” Ich mag es, dass sie sich mit einer holländischen Mannschaft identifizieren. “Ey, es stinkt nach Eiern!” Kichern. Der mit der Brille gibt zu, gestern appeltaart (Apfelkuchen) gegessen zu haben. “Hehee, das wird doch mit Eiern gemacht, iiih!” “Na und!” Wieder Lachen.

Sie steigen aus, und ich überlege, ob sie große Brüder haben, die sie imitieren und dass ich sie in ein paar Jahren wahrscheinlich eher unangenehm als lächerlich-niedlich finden werde. Welche Maßnahmen helfen könnten – am besten schon von kleinauf in den Familien – um ihr (sprachliches) Niveau zu heben. Ob sie sich sehr unterscheiden von meinen Mitschülern und mir, damals im Bus auf dem Weg zur Schule, am Beginn der Pubertät. Mein Gefühl sagt ‘ja’ – aber vielleicht ist diese gedankliche Unschuldserklärung der eigenen Jugend auch ein Symptom des Älterwerdens? Und ich werde hoffnungslos konservativ? Schnell küsse ich J. mitten auf den Mund.

 

Vorurteile September 21, 2009

Gespeichert unter: den haag — malimania @ 5:07

all of a sudden, originally uploaded by malidinapoli.

Mit der Tram 17 fahre ich Richtung Hollands Spoor. Der Bahnhof liegt in einem Den Haager Problemviertel. Zwei Jungs um die 16 mit geschätztem türkischen oder marokkanischen Hintergrund und hochgeschobenen weißen Baseballmützen steigen zu und setzen sich hinter mich auf die hintersten Plätze. Ihr Aussehen und Verhalten (starkes Übergewicht, leerer Gesichtsausdruck beim einen, Starren und nervöses Machotänzeln beim anderen) lassen mich „Aha, hangjongeren! (‘Rumhängjungs’ oder solche, die im Berlin der 1920er Jahre wahrscheinlich ‘Eckensteher’ geheissen hätten) denken. „Moment, moment, vorsichtig mit Vorurteilen!“, rufe ich mich in Gedanken zur Ordnung. „Vielleicht sind das ja auch ganz charmante und brave Söhne dieser Stadt.“ Und dann höre ich zu – soweit möglich. Sie sprechen wildes und nicht immer verständliches Niederländisch, eine Art private „straattaal“ („Straßensprache“). Hier eine grobe Übersetzung:

-“Ey, willst du etwa nicht zur Businessschool? Bist du blöd oder was?“
- „Doch, schon, aber sie lassen misch nisch’. Die Lehrer ham gesagt, sie könn’ nisch mehr mit mir fertig werden.“
- „Wieso das denn, ey?“
- „Naja, neulich hab’ isch mein Messer mit in die Schule genommen…“
- „Kanker! (wörtlich: Krebs; beliebtes Schimpfwort) Ey, niemals darfst du dein Messer mitnehmen, Alter, die finden das doch immer. Bei mir ham’se mal alle Garderoben durchsucht und sind schließlich an meine Tasche gegangen, kanker…“

Sie steigen aus und laufen betont breitbeinig über die Straße – und ich revidiere meine Vorurteile gegenüber meinen Vorurteilen. Jedenfalls in diesem konkreten Fall…

 

shadow ride Mai 8, 2009

Gespeichert unter: Die Stadt am Meer, Mit dem fiets zur Arbeit, den haag — malimania @ 9:37

shadow ride, originally uploaded by malidinapoli.

Den Vögeln gehört frühmorgens der königliche Garten. Sie hüpfen Wege und Wiesen entlang und lassen ihren Gesang bis auf die Straße hören, die ich mit dem Rad entlangfahre. Aus den königlichen Ställen klingt das altmodische Geräusch eines auf Steinboden tanzenden Besens. Kein Pferdegeruch weht herüber. Dafür haben die Bäume, vom Frühling gestärkt, ihre Blätter inzwischen so weit entfaltet, dass ihr Schatten im Zusammenspiel mit der Morgensonne ein Muster auf den Prinsessewal wirft. Es macht Spaß, durch die kühle und doch sonnige Allee zu fahren.
Eine Möwe lässt ihren weißen Bauch sehen, als sie über die Ampel fliegt, an der ich warten muss. Ihre Schwestern haben eine Straße weiter ganze Arbeit geleistet: Der Müll aus den aufgepickten Müllbeuteln am Straßenrand liegt überall verstreut und macht das Radfahren zum Slalom. Er bildet einen fast beunruhigenden Kontrast zu den sorgsam dekorierten Schaufenstern. Über meinem Kopf flattert es; vereinzelt stecken noch niederländische Fahnen in den Halterungen, Zeugen von Koninginne- und Bevrijdingsdag.
Fußgänger gibt es nicht, dafür zwei Schuljungen auf dem Rad. Sie stecken genau in der Phase zwischen Kindheit und Pubertät; der eine schaut mich mit gerunzelter Stirn an, um Coolness bemüht. Aus einem Auto purzeln bunte Mädchen, ihre Jacken glänzen im Licht. Das helle Hochhaus auf der linken Seite ist das Imperium der symmetrisch aufgestellten Vasen am Fenster. Einen Menschen habe ich dort noch nie hinausblicken sehen. Ob der Reiher wohl wieder am Teich gegenüber steht?, denke ich – und dann schließt sich das Tor meiner Arbeit hinter mir.