malimania

Vorurteile September 21, 2009

Gespeichert unter: den haag — malimania @ 5:07

all of a sudden, originally uploaded by malidinapoli.

Mit der Tram 17 fahre ich Richtung Hollands Spoor. Der Bahnhof liegt in einem Den Haager Problemviertel. Zwei Jungs um die 16 mit geschätztem türkischen oder marokkanischen Hintergrund und hochgeschobenen weißen Baseballmützen steigen zu und setzen sich hinter mich auf die hintersten Plätze. Ihr Aussehen und Verhalten (starkes Übergewicht, leerer Gesichtsausdruck beim einen, Starren und nervöses Machotänzeln beim anderen) lassen mich „Aha, hangjongeren! (‘Rumhängjungs’ oder solche, die im Berlin der 1920er Jahre wahrscheinlich ‘Eckensteher’ geheissen hätten) denken. „Moment, moment, vorsichtig mit Vorurteilen!“, rufe ich mich in Gedanken zur Ordnung. „Vielleicht sind das ja auch ganz charmante und brave Söhne dieser Stadt.“ Und dann höre ich zu – soweit möglich. Sie sprechen wildes und nicht immer verständliches Niederländisch, eine Art private „straattaal“ („Straßensprache“). Hier eine grobe Übersetzung:

-“Ey, willst du etwa nicht zur Businessschool? Bist du blöd oder was?“
- „Doch, schon, aber sie lassen misch nisch’. Die Lehrer ham gesagt, sie könn’ nisch mehr mit mir fertig werden.“
- „Wieso das denn, ey?“
- „Naja, neulich hab’ isch mein Messer mit in die Schule genommen…“
- „Kanker! (wörtlich: Krebs; beliebtes Schimpfwort) Ey, niemals darfst du dein Messer mitnehmen, Alter, die finden das doch immer. Bei mir ham’se mal alle Garderoben durchsucht und sind schließlich an meine Tasche gegangen, kanker…“

Sie steigen aus und laufen betont breitbeinig über die Straße – und ich revidiere meine Vorurteile gegenüber meinen Vorurteilen. Jedenfalls in diesem konkreten Fall…

 

Kleingeld September 21, 2009

Gespeichert unter: Inburgering! — malimania @ 4:37
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liquid, originally uploaded by malidinapoli.

Vor mir an der Kasse bei Albert Heijn steht ein junger Linker mit blonden Rastazöpfen und bunter indischer Umhängetasche. 12,64 € zeigt die Kasse an für seinen biologischen Merlot, die Eier aus Freilandhaltung und den Rest seines Einkaufs. Die gestandene Kassiererin Latifa, wohl surinamesisch-hindustanischer Herkunft, fragt ihn, ob er 5 Cent habe. Er zückt sein gewebtes Portemonnaie: „4 Cent? Nee, hab’ ich leider nicht.“, sagt er auf Deutsch. Latifa schaut auf seine ausgestreckte Hand mit den Münzen und wiederholt: „5 Cent?“ Ratlosigkeit. Ich fühle mich sehr integriert, da ich weiß, dass in den Niederlanden bei Centbeträgen immer auf- oder abgerundet wird, weil so gut wie keine 1- oder 2-Cent-Münzen im Umlauf sind. Meinen leicht besserwisserischen Einwurf „Sie fragt nach 5 Cent“ hört er nicht. Die Kassiererin gibt noch nicht auf. Ob er dann vielleicht 15 Cent habe, „vijftien“? „Fifteen?“, murmelt der Rastamann. „Yes, fifteen!“, erwidert sie. Er zählt die Münzen ab und und überreicht sie ihr lächelnd. „Have a nice day“, ruft sie und lächelt zurück. Es ist das erste Mal, dass ich sie englisch reden höre, und es bereitet ihr sichtlich Spaß. „You also!“ antwortet er fröhlich und geht. Mein Integrationstriumph ist zwar etwas gedämpft, weil Freundlichkeit die Unkenntnis der ländlichen Sitten locker geschlagen hat. Trotzdem macht mir dieser kleine internationale Zwischenfall sehr gute Laune.