bed & breakfast, originally uploaded by malidinapoli.
Es gibt Dinge, bei denen man erst versteht, dass man sie vermisst hat, wenn sie einem plötzlich wieder begegnen. So ging es mir dem Zimtwuppi. Habe ich mich in Hamburg noch immer ein bisschen geschämt, in der Bäckerei Kamps den Namen dieses süßen Zimtbrötchens mit vollem Ernst auszusprechen, so rief ich neulich an einem Marktstand in einer mittelgroßen holländischen Stadt erfreut aus: „Das sind ja Zimtwuppis!“ Sie wurden verkauft als „woepies met kaneel“ („Wuppis mit Zimt“) und taten so, als seien sie eine exklusive Erfindung der „Bakkerij ‘t Stoepje“ aus Spakenburg. Beim ersten Bissen bestätigte sich die Vermutung – die „woepies“ waren zumindest sehr nah verwandt mit ihrem deutschen Pendant. „Geschäftstüchtig, die Spakenburger“, dachte ich.
Das ist auch eine der Zuschreibungen, mit denen die Leute aus diesem Ort oft bedacht werden. Interessanterweise steht dieses Händchen für das Geschäftliche scheinbar nicht in Widerspruch mit der starken Religiosität der in Spakenburg ansässigen reformierten Christen. Es wird oft untereinander geheiratet, man bleibt eine große Familie. Die Erbkrankheit „benigne rekurrierende intrahepatische Cholestase“ (BRIC) heißt auch „Spakenburger Krankheit“. Sonntag ist Ruhetag, Homosexualität noch ein Tabu und Zusammenleben ohne verheiratet zu sein ebenso. Bekannt ist Spakenburg zudem für einige seiner (meist älteren) Frauen, die noch jeden Tag Tracht tragen.
Ich sah mir die Mädchen am Marktstand genau an. Sie wirkten gar nicht streng religiös. Eine umarmte sogar ihren Freund, der mit ihr arbeitete. Und die Marktstände gibt es überall, auch in sozial schwachen Vierteln mit aufreizend angezogenen Frauen und aggressiven Jungs. Fürchteten sich die Spakenburger denn nicht vor einer weltlichen Ansteckungsgefahr, wenn sie ihre Kinder überall hinschicken, um Brötchen zu verkaufen?
Auf der Homepage der Bakkerij ‘t Stoepje fand ich die Antwort: Die Bäckerei hat 100 Franchise-Unternehmen auf ca. 900 Marktständen im Land, die von vier Zentren versorgt werden. Gebacken wird im sicheren Spakenburg, der Rest scheint von Leuten „von außen“ übernommen zu werden. Glück gehabt, Spakenburger Mädchen!
Das Geheimnis der Zimtbrötchenverwandtschaft konnte ich schließlich ebenfalls lüften. Leider hielt meine heimliche Theorie der gewieften Spakenburger, die in Deutschland Bäckereien ausspionieren, der Wirklichkeit des Marktstandkapitalismus nicht stand: Seit 2000 gehört die Bakkerij ‘t Stoepje zu „Market Food Group B.V“, dem niederländischen Zweig der deutschen Bäckereikette „Kamps AG.“
Wenigstens entdeckte ich noch, dass letztes Jahr offensichtlich ein „Brotkrieg“ („broodoorlog“) zwischen der Spakenburger Bäckerei und dem inzwischen auch von der Market Food Group B.V geschluckten – Konkurrenten „Brotpirat“ („Broodpiraat“) stattgefunden hatte.
Was auch immer hinter den Kulissen noch alles geschehen möge: Bitte lasst mir meinen Zimtwuppi!




